In dieser Ausgabe unserer Reihe „E-Commerce in …“ stellen wir den E-Commerce-Markt in China vor. Im Jahr 2017 war China zum zweiten Mal in Folge der größte Handelspartner Deutschlands. Der Import von chinesischen Waren spielt natürlich schon seit vielen Jahren eine entscheidende Rolle, aber auch der Verkauf von deutschen Produkten in das Reich der Mitte rückt immer weiter in den Vordergrund. Für die chinesischen Kunden im grenzüberschreitenden E-Commerce werden Waren „Made in Germany“ immer attraktiver. Wir haben zusammengestellt, was Sie beachten müssen, um auf dem chinesischen E-Commerce-Markt mithalten zu können.

Zahlen & Fakten

China ist mit einer Landesfläche von rund 9,6 Millionen Quadratmetern das viertgrößte Land der Erde und mit etwa 1,39 Milliarden Einwohnern das bevölkerungsreichste Land der Welt. Mit einer Länge von 22.133 km hat China übrigens von allen Staaten auf der Erde die längste Landesgrenze! Trotz dieser zunächst groß erscheinenden Zahlen hat China mit 144 Einwohnern pro km² eine niedrigere Bevölkerungsdichte als Deutschland (231 Einwohner pro km²).

Etwa 56 % aller Chinesen nutzen bereits das Internet, damit bilden die chinesischen Internetnutzer mit 730 Millionen Teilnehmern die weltweit größte Onlinegemeinde, die auch immer größere Teile ihres Alltags über das Internet abwickelt. China stellt den größten E-Commerce-Markt der Welt dar und setzt Maßstäbe für den aktuellen und zukünftigen Einzelhandel. Durch die abschirmende Firewall zum „äußeren Internet“ hat sich das Internet in China zu einer Art eigenem Ökosystem entwickelt und den „neuen Einzelhandel“ (new retail) begünstigt. Das bedeutet, dass online und offline zunehmend nahtlos miteinander verzahnt werden und das Einkaufserlebnis des Kunden im Vordergrund steht. So gibt es beispielsweise eine Supermarktkette der Alibaba-Group, in deren Filialen sämtliche Produkte mit QR-Codes ausgestattet sind. So kann man entweder Informationen zu Produkten erhalten, dazu passende Artikel vorgeschlagen bekommen, oder man kann den Einkauf virtuell durchführen und sich seine Waren innerhalb von 30 Minuten in einen Umkreis von 3 km nach Hause liefern lassen. Die Bequemlichkeit ist auch ein Hauptargument für die Internetnutzer, die vieles online einkaufen. Die chinesischen Verbraucher haben zunehmend mehr verfügbares Einkommen, besonders in der Mittel- und Oberklasse steigt die Nachfrage nach Gütern, die im Inland nicht erhältlich sind. Im Jahr 2016 haben 34 % der Internetnutzer im Ausland eingekauft, 2017 waren es schon 67 %. Importierte Waren werden vor allem aufgrund ihrer Qualität geschätzt, besonders was Gesundheit und Sicherheit angeht, aber auch die Produktverpackung spielt eine Rolle.

Lokalisierung

Die Chinesen sprechen entweder Mandarin oder Kantonesisch. Und wer sich schon einmal chinesische Webseiten angeschaut hat, wird festgestellt haben, dass sie komplett mit Informationen überladen sind – das westliche, minimalistische Design ist hier nur bedingt geeignet, weil die chinesischen Kunden es gewohnt sind,  alle Informationen auf einmal zu erhalten. SEO ist in China selbstverständlich auch wichtig. Aber da alle Seiten jedoch so textlastig sind, funktioniert die beliebteste Suchmaschine, Baidu, etwas anders als Google. Hier sind vor allem die Schlagworte, die weiter oben auf der Seite stehen, entscheidend für Suchergebnisse. In China ist außerdem eine Chatfunktion im Shop ein Muss, denn die chinesischen Kunden sind es gewohnt, noch während des Bestellvorgangs zu verhandeln – und sie erwarten im Chat innerhalb von 3 bis 5 Sekunden eine Antwort auf ihre Anfrage. Kurze Ladezeiten sind im chinesischen E-Commerce, der hauptsächlich mobil abgewickelt wird, generell sehr wichtig.

Eine Besonderheit stellt die „Great Firewall“ im chinesischen Internet bzw. darum herum dar. Die chinesische Regierung prüft Webseiten, um die Bevölkerung vor allem vor pornografischen Inhalten, Glücksspiel, religiösen und politischen sowie regierungskritischen Inhalten zu schützen, dadurch werden auch Newsseiten und Blogs verboten. Für Onlineshop-Betreiber ist dies insofern relevant, da es schon ausreichen kann, eine Kommentarfunktion für Twitter oder Facebook auf der Webseite zu haben, da diese Social-Media-Kanäle in China verboten sind. Außerdem müssen Betreiber von Webseiten in China bis zu vier unterschiedliche Lizenzen erwerben – hat eine Seite keine Lizenzen oder gegen die Regeln bestehender Lizenzen verstoßen, landet sie auf einer schwarzen Liste, von der sie nur sehr schwer wieder gestrichen werden kann. Darum ist es für die Expansion nach China enorm wichtig, sich im Vorfeld gründlich zu informieren.

Eine eigene Webseite lohnt sich eigentlich nur für große Unternehmen. Dann gibt es noch die Möglichkeit, einen Shop-in-Shop auf Tmall einzurichten, aber die Gebühren dafür sind hoch, dazu kommt noch Logistik, Rechtliches, Betreuung und so weiter. Viele Chinesen haben hier eine Lücke entdeckt. Sie kaufen direkt im Ausland ein und verkaufen die Produkte dann privat weiter. Dadurch entstehen teilweise beträchtliche Umsätze, aber über Direktverkäufe kann die Marke gestärkt werden und ein Kundenservice sichergestellt werden. Dafür gibt es bereits einige Plattformen, die sich auf ausländische Firmen spezialisiert haben.

Zahlungsmethoden und Versand

In China wird hauptsächlich mit digitalen Bezahlverfahren gezahlt, zunehmend auch mobil. Der Anteil der mobilen Zahlungen war bereits 2016 etwa elfmal so hoch wie in den USA. Ein Großteil der Verbraucher nutzt dabei den Service Alipay der Alibaba-Group, die zweithäufigste Zahlungsmethode ist WeChat oder Tenpay. Das Schlusslicht bildet die Überweisung.

Logistisch stellt China eine besondere Herausforderung dar: Dort gibt es keinen nationalen Markt, sondern eine große Zahl von ineinandergreifenden regionalen Märkten, die wiederum häufig die Größe von ganzen europäischen Nationen haben können.

Branchen

Die beliebtesten Kategorien der chinesischen Online-Shopper sind Kosmetik, Babyprodukte, Nahrungsergänzungsmittel, Bekleidung und Schuhe, Digitale Produkte, Koffer und Taschen, Sport und Outdoor, elektronische Geräte, Spielzeug und Geschenke. 2016 stand Deutschland auf Platz 4 der beliebtesten Ursprungsländer für ausländische Waren, die über das Internet bestellt wurden. Besonders begehrt waren hierbei Milchpulver, Nahrungsmittel, Nahrungsergänzungsmittel, Babybrei und -zubehör sowie Küchenutensilien und Töpfe

Fazit

Der chinesische E-Commerce-Markt ist der größte der Welt und durch diverse Vorschriften und Gesetze ist es nicht einfach, dort Fuß zu fassen. Doch die chinesischen Verbraucher kaufen gern im Ausland ein und wissen Qualität „Made in Germany“ besonders zu schätzen. Wer sich intensiv mit der Situation vor Ort beschäftigt und Zugang zum chinesischen E-Commerce-Markt findet, kann sich im Reich der Mitte durchaus einen Namen machen. Allerdings sollte er sich der Risiken, die ein so streng reglementierter Markt mit sich bringt, stets bewusst sein.

Quellen:

 

autor_eurotext_100Autor: Eurotext Redaktion

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