Wie lässt sich Internationalisierung im E-Commerce technisch am besten umsetzen?  Im zweiten Teil unseres Beitrags rund um das vielseitige CMS WordPress konzentrieren wir uns auf den E-Commerce und die Realisierung von umfangreichen, professionellen Übersetzungen in WordPress. Außerdem beantworten wir die Frage, wie gut sich WordPress für mehrsprachige E-Commerce-Projekte eignet.



WooCommerce & Co. – Der modulare Onlineshop

Werfen wir nun einen Blick auf unser eigentliches Thema, den E-Commerce. Es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten, WordPress dafür zu nutzen. Die erfolgreichste ist mit Sicherheit WooCommerce:

woocommerceAlex Frison: WooCommerce ist ein Plugin, das auf WordPress basiert. Die Installation ist recht einfach und die Funktionen in der Grundversion umfänglich. Die Entwicklung von WooCommerce ist rasant, ca. alle 3-6 Monate eine neue Version. Der Marktanteil beläuft sich, wie vorher schon erwähnt, auf mittlerweile knapp über 40% weltweit. Für den deutschen Markt sind noch Anpassungen notwendig, damit der Onlineshop zumindest technisch gesehen alle Voraussetzungen erfüllt, damit er rechtlich für den deutschen Markt in Ordnung ist. Dafür gibt es 2 Plugins, die man einfach installieren und anpassen kann. Einmal WooCommerce German Market (kostenpflichtig) und das Germanized (in der Grundversion kostenfrei).

Aber kann ein CMS, das mit ein paar Plugins erweitert wurde, wirklich mit richtigen Shoplösungen mithalten?

Alex Frison: Ja, wir selber haben mittlerweile große Shops mit sehr großem Bestellaufkommen und Anbindungen zu Drittsystemen, wie z.B. SAP, umgesetzt. Der große Vorteil bei WordPress ist die Ausbaufähigkeit und in Sachen Funktion stößt man nicht auf irgendwelche Grenzen. Vielen Funktionen gibt es bereits als Plugin (die Community ist sehr groß). Oder man entwickelt sie; dafür sind wir da. Andere Shopsysteme haben vielleicht mehr Out-Of-The-Box Funktionen, aber dafür ist die Umsetzung der einen oder anderen zusätzlich gewünschten Funktion gar nicht möglich oder viel komplizierter bzw. die gewünschte Funktion gibt es vielleicht noch nicht.

woocommerceDie Frage, um die es uns eigentlich geht, lautet: Wie gut sind verschiedene Shopsysteme auf die Internationalisierung vorbereitet. Dass WordPress mit den entsprechenden Plugins Mehrsprachigkeit beherrscht, wissen wir mittlerweile. Dass es auch ein ernstzunehmender Onlineshop sein kann, auch. Aber auch beides? Die Antwortet lautet: Jein. Denn genau wie bei der Medienverwaltung gibt es das Problem, dass jede Sprachversion eine eigene Seite darstellt und diese Seiten untereinander abgestimmt werden müssen. Kunden, die im englischen Shop bestellt haben, kennt der deutsche Shops nicht. Und wenn der deutsche Shop ein bestimmtes Produkt verkauft hat, weiß der englische Shop das nicht und zeigt noch immer den vollen Bestand an. Bei der Medienverwaltung mag dieser Nachteil durch verschiedene Vorteile aufgewogen werden, bei Lagerhaltung, Kunden- und Auftragsverwaltung ist es aber komplizierter. Ein mehrsprachiger Shop auf WordPress-Basis braucht deshalb fast zwangsläufig ein System im Hintergrund, das diese Aufgaben zentral übernimmt.

Alex Frison: Bei unseren großen Woocommerce Projekten steckt auch meist eine Warenwirtschaft dahinter, die angebunden wird. Dort wird die Lagerhaltung, Kunden- und Auftragsverwaltung zentral an einem Ort abgehandelt. Egal wie viele Sites in der Multisite vorhanden sind. Sehr viele Nutzer benötigen aber auch keinen zentralen Anlaufpunkt, da sie entweder keine zentrale Lagerhaltung haben, sondern für jedes Land einen eigenen Lagerbestand haben, überhaupt keine Lagerhaltung führen oder sowieso nur digitale Güter anbieten. Dasselbe gilt auch für den Kundenstamm, der manchmal bewusst getrennt sein soll. Wir haben schon sehr häufig solche Fälle gesehen, die gerade die Trennung bevorzugen.

inpsyde


Unser Gesprächspartner Alex Frison arbeitet seit über 10 Jahren mit WordPress, ist Miteigentürmer von Inpsyde und setzt für mittelgroße und große Unternehmen Projekte auf WordPress-Basis um. E-Commerce ist dabei häufig ein Schwerpunkt.

Sehr flexibel und individuell anpassbar

Fassen wir zusammen: Um einen mehrsprachigen Onlineshop aufzubauen, braucht es bei WordPress neben der grundlegenden WordPress-Installation ein Plugin, das Mehrsprachigkeit nachrüstet, und eines, das die Shopfunktionalität bietet. Und je nach Bedarf zusätzlich eine WaWi im Hintergrund, die zentrale Aufgaben verwaltet. Kritiker werden einwenden, dass das nach allem Möglichen, nicht aber nach einer perfekten technischen Grundlage klingt.

Warum so ein Stückwerk, wenn eine „richtige“ Shopsoftware all das bereits out-of-the-box bietet? Der Vorteil liegt darin, dass WordPress ein wesentlich höheres Maß an Flexibilität bietet. Jedes System kann individuell auf den Nutzer und seine Bedürfnisse zugeschnitten werden. Nicht mehr und nicht weniger. Das zeigt sich auch daran, welche Zielgruppen WordPress für E-Commerce-Projekte einsetzen:

Alex Frison: Die Zielgruppe ist sehr vielfältig, ein kleiner Shop mit selbstgebastelten Sachen oder ein Unternehmen mit Millionenumsatz, der seinen Shop individuell gestalten möchte.

Übersetzungen in und aus WordPress starten

translationMANAGERDas Thema Übersetzung muss bei WordPress auch sehr individuell betrachtet werden. Für WordPress selbst gibt es Übersetzungen in fast alle Sprachen und auch für die meisten Plugins und Themes liegen entsprechende Sprachdateien vor. Sollte das mal nicht der Fall sein, kann man die Sprachdateien mit dem kostenlosen Tool Poedit übersetzen oder Plugins wie Loco Translate nutzen, um direkt im Backend Texte anzupassen. Die CMS-Texte in WordPress können redaktionell ganz normal im Backend bearbeitet und natürlich auch übersetzt werden. Wenn es um Texte geht, die beispielsweise an einen Übersetzungsdienstleister gegeben werden sollen, gibt es verschiedene Möglichkeiten: Das klassische Copy & Paste bietet sich nur bei überschaubaren Textmengen an. Wenn es um sehr viele Inhalte geht, ist ein direkter Export sinnvoller, weil nicht nur der Arbeitsaufwand sinkt, sondern auch die Fehleranfälligkeit. Inpsyde hat für diesen Zweck das Plugin translationMANAGER für WordPress entwickelt, mit dem sich Seiten, Beiträge und Custom Post Types ganz einfach auswählen, exportieren und nach der Übersetzungen auch wieder importieren lassen.

Alex Frison: Der translationMANAGER ist eine Anbindung an Eurotext, damit der Benutzer keinen manuellen Aufwand hat, Daten zu exportieren und zu importieren. Ebenso werden wir damit den aufwändigen Überarbeitungsworkflow lösen, wenn Inhalte in einer Sprache aktualisiert werden. Diese können dann gezielt zu Eurotext gesendet werden. Der translationMANAGER bietet dadurch eine enorme Zeitersparnis.

Quo vadis, WordPress?

WordpressWordPress befindet sich permanent in der Weiterentwicklung und neben den vielen kleinen Bugfixes und Verbesserungen des Alltagsbetriebs stehen auch immer wieder große Änderungen an. Besteht vielleicht die Möglichkeit, dass in näherer Zukunft mehr Wert auf Mehrsprachigkeit gelegt wird und Funktionen, die momentan über Plugins nachgerüstet werden müssen, in den WordPress Core aufgenommen werden?

Alex Frison: Nein, das Thema Mehrsprachigkeit spielt keine Rolle in der zukünftigen Planung. Vor einigen Jahren wurde eine Grundsatzentscheidung getroffen: WordPress soll rank und schlank bleiben. Zwar ist der Ruf nach Mehrsprachigkeit sehr laut, aber die große Mehrheit an WordPress Usern braucht keine Mehrsprachigkeit und außerdem gibt es ja schon Plugins dafür. Warum also eine Funktion einbauen, die die große Mehrheit gar nicht verwendet.

Fazit

Versuchen wir ein Fazit zu ziehen: Wie gut ist WordPress für mehrsprachige Webseiten und Shops geeignet? Welche Vorteile bietet es? Welche Nachteile muss man in Kauf nehmen?

Alex Frison: Als Nachteil könnte man ansehen, dass Mehrsprachigkeit nicht gleich mit WordPress mitgeliefert wird. Aber wie schon erwähnt, es existieren Lösungen, die WordPress zu einer vollumfänglichen, mehrsprachigen Webseite umwandeln.

Die Entwicklung der Pluginlösungen geht ständig voran und wird immer einfacher und umfangreicher. Mit unserer Lösung sehe ich keine Nachteile bis auf die angesprochene Mediathek. Für E-Commerce gibt es mit MultilingualPress noch ein paar Nachteile, die man erwähnen sollte, die wir aber in diesem Jahr mit neuen Entwicklungen angehen werden. Da ist z.B. die fehlende Synchronisierung von Lagerbeständen, wenn man sie führt, und Benutzer zwischen den Sprachen, die wir aber meist mit einem ERP oder anderen Drittsystemen umgehen. Und keine Arikelsynchronisation, die bei verschiedenen Sprachen meist sowieso nicht in Frage kommt. Ansonsten gibt es nur Vorteile.


Wir möchten uns herzlich bei Alex Frison von Inpsyde für das Gespräch und die gewonnenen Einblicke bedanken.

Stand: 09.03.2018

autor_eurotext_100Autor: Eurotext Redaktion

Wir erklären, wie Internationalisierung funktioniert, geben Tipps zu Übersetzungsprojekten und erläutern Technologien und Prozesse. Außerdem berichten wir über aktuelle E-Commerce-Entwicklungen und befassen uns mit Themen rund um Sprache.