Eigentlich wollen wir in unserer Reihe „Wie funktioniert Internationalisierung mit …“ nur Shopsysteme unter die Lupe nehmen und auf ihre Internationalisierungs-Qualitäten untersuchen. Trotzdem machen wir heute eine Ausnahme und widmen uns dem Content Management System (CMS) WordPress. Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens ist das kostenlose WordPress mit dem gigantischen Marktanteil von fast 60% (Stand 2017) das bedeutendste CMS weltweit. Und zweitens ist es eines der vielseitigsten Systeme und lässt sich mit Plugins wie z.B. WooCommerce mit geringem Aufwand in einen vollwertigen Onlineshop verwandeln. Wir freuen uns sehr, dass wir als Gesprächspartner Alex Frison gewinnen konnten. Als COO und Miteigentümer von Inpsyde ist er DER Experte für WordPress, speziell wenn es um Mehrsprachigkeit und Onlineshop-Funktionalitäten geht.



Blog-Software? CMS? Shopsystem?

WordPress startete 2003 als Software für Blogs, entwickelte sich aber sehr schnell zu einem vollwertigen CMS, mit dem sich auch anspruchsvolle und umfangreiche Webseiten-Projekte realisieren ließen. Trotzdem musste WordPress lange Zeit mit dem Vorurteil leben, „nur“ ein Blogsystem zu sein und nicht mit anderen CMS mithalten zu können. Diesen Ruf hat WordPress mittlerweile hinter sich gelassen, so richtig ernstgenommen wird es von manchen aber trotzdem nicht.

Marktanteile CMS / E-Commerce
Screenshot © https://wp-agentur.de/blog/cms-marktanteile-2017-weltweit/

 

Alex Frison: Mittlerweile ist die Meinung vieler Firmen, dass WordPress ein CMS für kleinere Webseiten ist. Dies ist aber auch schon seit einigen Jahr überholt. WordPress ist eine sehr gute Lösung für Enterprise CMS Projekte mit umfangreichen Inhalten, Besuchern und Anbindungen an Drittsystemen. Nicht umsonst läuft THE SUN mit mehreren Millionen Beiträgen und mehreren Millionen täglichen Besuchern komplett auf WordPress. Mittlerweile haben wir auch spannende Projekte, unter anderem mit SAP, UEFA, Facebook und P&G, die WordPress als deren bevorzugte Lösung für ihre Webseiten nutzen.

Dazu kommt, dass WordPress mittlerweile sehr viel mehr als „nur“ ein CMS ist. Es gibt eine gigantische Anzahl von Plugins, die den Funktionsumfang zum Teil extrem erweitern. Magazine, soziale Netzwerke, Onlineshops – fast alles lässt sich mit WordPress realisieren.

WordPress im Einsatz

Alex Frison: Mittlerweile wird WordPress mit WooCommerce als sehr erfolgreiche Shoplösung genutzt! Knapp über 40% Marktanteil an allen E-Commerce-Webseiten weltweit spricht klar für sich. Auch wir bekommen seit 2-3 Jahren immer mehr Anfragen bzgl. E-Commerce. Häufig haben wir auch Projekte mit Anbindung zu Drittsystem via API. z.B. zu ERP-Systemen wie SAP. Wir sind der einzige offizielle WordPress VIP Partner und WooCommerce Gold Expert weltweit. Die Zeiten als Typo3, Drupal, Oxid, Magento und andere WordPress belächelten, sind schon lange vorbei.

International vernetzt und sehr aktiv –
die WordPress Community

Ein Grund für diesen durchschlagenden Erfolg ist auf jeden Fall die WordPress Community. Menschen aus aller Welt arbeiten an und mit WordPress, organisieren WordCamps, treffen sich in WordPress Meetups und bilden eine gut vernetzte und sehr aktive Gemeinschaft. Das spiegelt sich natürlich auch in der Software selbst wider.

Alex Frison: WordPress gibt es mittlerweile in fast allen Sprachen und sogar in vielen Dialekten. Auch gibt es viele Plugins um WordPress rechtlich sicher zu nutzen, z.B. bei E-Commerce Lösungen. Aufgrund von vielen Erweiterungsmöglichkeiten und Plugins ist es mit WordPress möglich, die Webseite oder den Onlineshop an rechtliche Bedingungen in den verschiedensten Ländern anzupassen. Da ist man eigentlich keinen Limitierungen ausgesetzt.

Mehrsprachigkeit nicht out-of-the-box

Limitierungen gibt es allerdings dann, wenn es darum geht, mehrere Sprachen auf einer Seiten anzubieten. WordPress bietet out-of-the-box keine Möglichkeit, Mehrsprachigkeit abzubilden. Das ist nicht unbedingt ein Manko von WordPress, sondern einer der Gründe seines Erfolgs: Die Grundinstallation ist so schlank wie möglich, bietet aber durch Plugins, Webhooks und API nahezu unendliche Erweiterungsmöglichkeiten. Ein Feature wie Mehrsprachigkeit, das für den Großteil der Nutzer uninteressant ist, ist deshalb in den Grundfunktionen nicht enthalten. Es gibt aber verschiedene Plugins, mit denen man Mehrsprachigkeit in WordPress nachrüsten kann.

Alex Frison: Aufgrund unserer internationalen Projekte, z.B. beim Fernsehsender Arte, haben wir vor 6 Jahren unsere eigene Lösung entwickelt: MultilingualPress (MLP), die mittlerweile von WordPress selber und auch bei vielen WordPress VIP Agenturen und großen Projekten erfolgreich im Einsatz ist.

Im Gegensatz zu anderen bekannten Lösungen ist MultilingualPress eine saubere Lösung, basierend auf der WordPress Multisite-Technologie. D.h. jede Sprache wird separat in einer Site der Multisite erstellt, anstatt alle Sprachen auf einer einzigen Seite. Somit kann (muss aber nicht!) jede Seite in Bezug auf Sprache, Kultur, Funktionen und SEO individuell optimiert werden.

Für jede Sprache eine eigene Seite

WordPress MultisiteDieser Multisite-Ansatz bietet aber noch eine Menge weiterer Vorteile: Jede Sprache kann komplett individuell bearbeitet und optimiert werden – sowohl inhaltlich wie technisch. Durch die saubere Trennung der einzelnen Sprachvarianten gibt es keine Konflikte bei der Verwendung unterschiedlicher Plugins und keine Performance-Verluste. Beim Öffnen der Seite müssen nicht sämtliche Sprachvarianten geladen werden, sondern wirklich nur die aktuell ausgewählte Version. Bei den Plugins ist es das Gleiche:

Alex Frison: Es werden nur die Plugins und Funktionen geladen, die in dieser Sprache benötigt werden. z.B. können Rechte-Plugins, die nur für den deutschen Markt benötigt werden, in den anderen Sprachversionen deaktiviert werden. Oder Plugins, die nur in den USA erlaubt sind, aber aufgrund des Datenschutzes nicht in europäischen Onlineshops.

Außerdem kann es nicht zum „Lock-In“-Effekt kommen, unter dem die anderen Lösungen leiden: MultilingualPress kann jederzeit deaktiviert werden, ohne dass sich an der Darstellung der einzelnen Länderseiten etwas ändert. Bei anderen Lösungen führt dies im besten Fall zu einem wilden Sprachenmix, im schlechtesten ist die komplette Seite unbrauchbar. Ein weiterer Aspekt ist die Suchmaschinenoptimierung (SEO): Die saubere Trennung erlaubt eine wirklich bis ins Detail gehende Optimierung.

Alex Frison: Dies gilt nicht nur für Bilder, sondern auch bei anderen Einstellungen, Funktionen, Beschriftungen und Dateien, die bzgl. der Sprache optimiert werden können. Zu guter Letzt wirkt sich die wesentlich bessere Performance auch positiv auf das SEO-Ranking aus.

inpsyde

Unser Gesprächspartner Alex Frison arbeitet seit über 10 Jahren mit WordPress, ist Miteigentürmer von Inpsyde und setzt für mittelgroße und große Unternehmen Projekte auf WordPress-Basis um. E-Commerce ist dabei häufig ein Schwerpunkt.


Dabei gibt es einen Effekt, der von manchen als Vorteil, von anderen als Nachteil gesehen wird: Da jede Sprachversion der Webseite bzw. des Onlineshops eine eigene WordPress-Instanz darstellt, verfügt auch jede über eine eigene Medienbibliothek. Der Vorteil daran ist, dass man pro Sprache nur die Bilder und Dateien in der jeweiliegen Seite hinterlegen muss, die auch für diese Sprache benötigt werden. Das bietet größere Übersichtlichkeit und auch eine bessere Performance. Andererseits erfordert es aber, dass Bilder und Dateien, die in mehreren Sprachen benötigt werden, in jeder Instanz einzeln hinzugefügt und verwaltet werden müssen.

Immer wieder kommt deshalb auf Anwenderseite der Wunsch auf, eine zentrale Medienbibliothek einzubauen bzw. die einzelnen Bibliotheken untereinander zu verbinden.

Alex Frison: Wir werden an einer Lösung arbeiten, damit die Medienbibliotheken sich untereinander synchronisieren, wann genau kann ich aber leider nicht sagen.

Wie gesagt gibt es neben MultilingualPress noch eine Reihe anderer Plugins, die Mehrsprachigkeit ermöglichen. Zu nennen wäre vor allem das ambitionierte Polylang. Diese Plugins arbeiten alle mit einer einzigen WordPress-Installation (Singlesite), bieten also weniger Individualisierungsmöglichkeiten und leiden häufiger unter einer schlechten Performance. Ein unbestreitbarer Vorteil ist, dass sich diese Plugins ohne großen Aufwand in bereits bestehende Projekte integrieren lassen, die technische Basis der Seite muss nicht angefasst werden.

Alex Frison: Wenn die Seite aber wachsen soll, dann ist es im Nachhinein aufwändig umzusteigen. Deswegen am besten gleich eine saubere Lösung verwenden.


Teil 2 – E-Commerce und Fazit

Im zweiten Teil dieses Beitrags erklären wir, wie sich WordPress in Kombination mit WooCommerce als Shopsystem nutzen lässt und welche Möglichkeiten und Einschränkungen es dabei gibt. Ein wichtiger Aspekt dabei wird auch Mehrsprachigkeit und die professionelle Übersetzung größerer Textmengen sein.


Wir möchten uns herzlich bei Alex Frison von Inpsyde für das Gespräch und die gewonnenen Einblicke bedanken.

Stand: 16.03.2018

autor_eurotext_100Autor: Eurotext Redaktion

Wir erklären, wie Internationalisierung funktioniert, geben Tipps zu Übersetzungsprojekten und erläutern Technologien und Prozesse. Außerdem berichten wir über aktuelle E-Commerce-Entwicklungen und befassen uns mit Themen rund um Sprache.