Wie lässt sich Internationalisierung im E-Commerce technisch am besten umsetzen?  Im zweiten Teil unseres Beitrags rund um die Shopsoftware Magento richten wir unser Augenmerk auf die Probleme, die bei der Arbeit mit Magento auftreten können, und zeigen, wie sich manche dieser Fallstricke umgehen lassen. Außerdem beantworten wir die Frage, wie gut sich Magento für mehrsprachige E-Commerce-Projekte eignet.



Herausforderungen und technische Grenzen

Nach unseren Erfahrungen aus dem ersten Teil unseres Magento-Beitrags wirkt die Shopsoftware sehr durchdacht und ausgereift. Die Entwickler von Magento haben sich sichtlich Mühe gegeben, ein System zu entwickeln, das perfekt auf Mehrsprachigkeit und Cross-Border-Commerce vorbereitet ist. Trotzdem kämpft auch der Magento-Händler im Alltagsbetrieb immer wieder mit Problemen oder Herausforderungen. Wir stellen Ihnen einige vor, die ganz unterschiedliche Ursachen haben:

Sprachliche Sonderfälle

Die meisten Sprachen funktionieren nach ähnlichen Grundsätzen und lassen sich deshalb ohne große Probleme in Magento integrieren. Vor allem bei den weit verbreiteten Sprachen genügt die Installation einer passenden, gut übersetzten Sprachdatei. Aber je komplexer oder „exotischer“ eine Sprache ist, desto komplizierter kann es werden. Magento kennt beispielsweise drei Warenkorbzustände, die sprachlich berücksichtigt werden: Es ist kein Artikel im Warenkorb, ein Artikel oder viele Artikel. Es gibt aber einige Sprachen, die mit mehreren Pluralformen arbeiten und sich mit diesen drei Warenkorbzuständen nicht korrekt wiedergeben lassen.  Ähnlich sieht es bei Sprachen aus, die über ungewöhnliche Satzstrukturen verfügen. Platzhalter lassen sich in Magento zwar relativ frei im Satz anordnen, sie lassen sich aber nicht beliebig aufteilen. Wer solche Probleme lösen will, kommt meist um eine individuelle Anpassung der Codebasis nicht herum. Ein anderes Problem sind Sprachen, die über verschiedene Anredeformen verfügen. Bestes Beispiel ist das Deutsche mit der Du- und Sie-Form. Da Magento pro Sprache nur ein Set an Sprachdateien unterstützt, muss sich der Händler für eine dieser beiden Varianten entscheiden.

CMS-Seiten erfordern viel Handarbeit

Ein anderes Sprachproblem, mit dem Magento-Anwender zu kämpfen haben, ist allerdings hausgemacht: Magento unterstützt bei CMS-Seiten keine Sprachvarianten. Während man ein Produkt für alle konfigurierten Sprachen problemlos übersetzen kann, hat eine CMS-Seite diese Mehrsprachigkeit nicht mit ins Gepäck bekommen. Wer also zum Beispiel die Impressums-Seite in fünf Ländershops anzeigen will, muss von Hand fünf verschiedene Seiten anlegen, mit dem zielsprachigen Text befüllen und den verschiedenen StoreViews zuweisen.

Rico Neitzel – Büro 71aUnser Interviewpartner Rico Neitzel realisiert im Büro 71a Websites und PHP-Projekte. Im Bereich eCommerce führt er Magento-Trainings durch, berät Unternehmen sowie Agenturen bei eCommerce Projekten und ist als Autor tätig.

Dabei muss obendrein darauf geachtet werden, die Seiten korrekt zu verlinken. Denn beim Sprachwechsel ändert Magento den URL-Key normalerweise nicht, sondern wechselt nur in die andere Sprachvariante und behält den URL-Key (quasi den Dateinamen) bei. Wenn ein Kunde also auf der deutschen Seite „Impressum“ ins Englische wechselt, wird er sehr wahrscheinlich auf einer 404-Fehlerseite landen, denn die englische Impressumsseite heißt nicht „Impressum“ sondern „Imprint“ oder „Legal Info“. Es muss also zusätzlich eine Weiterleitung eingebaut werden. Und zwar pro CMS-Seite von jeder Sprache in jede Sprache. Bei Shops mit sehr vielen Sprachvarianten kann das schnell unübersichtlich werden. Wer das umgehen will, kann den Seiten in allen Sprachen den gleichen Seitennamen geben, wird dann aber Probleme mit Suchmaschinen bekommen. Rico Neitzel, der mit diesem Problem regelmäßig zu kämpfen hat, stellt dazu fest: „Magento ist einfach kein CMS. Das ist Fakt.“

Problematischer Export von Sprachdateien

Magento translate.csvRico Neitzel kennt noch eine Magento-Eigenschaft, die sich in der Vergangenheit als kritisch erwiesen hat. Bei Magento 1 lagen alle verwendeten Sprachdateien, auch die von zusätzlich installierten Modulen, in einem speziellen Ordner. Wollte man den kompletten Shop übersetzen lassen, musste man dem Übersetzungsdienst einfach diesen Ordner zur Verfügung stellen. Seit Magento 2 gibt es diese zentrale Dateiablage nicht mehr. Für Programmierer bedeutet das eine Erleichterung, weil sie die Sprachdateien nach ihren Vorstellungen organisieren können. Für die Übersetzung bedeutet es aber einen erheblichen Mehraufwand. Magento bietet zwar die Möglichkeit, alle Texte in eine CSV-Datei zu exportieren, diese Datei ist aber inhaltlich nicht strukturiert. Bei umfangreichen Projekten ist es kaum möglich, die einzelnen Segmente dieser riesigen Datei einem bestimmten Kontext zuzuordnen.

Obendrein wird einfach die Systemsprache exportiert. Bei den meisten Modulen ist das Englisch. In seltenen Fällen kann es aber durchaus passieren, dass sich andere Sprachen daruntermischen. Das Büro 71a hat im Auftrag der Eurotext AG eine Lösung entwickelt, mit der diesem Problem zumindest teilweise begegnet werden kann; ideal ist der aktuellen Status aber trotzdem noch nicht.

Bilder übersetzen?

Es gibt unabhängig vom verwendeten Shopsystem eine große Herausforderung, an die viele Händler bei einer Übersetzung gar nicht denken: Bilder. Moderne Shops beherbergen häufig riesige Mengen davon. Und nicht wenige davon enthalten Text: Banner, Buttons, Fotos mit integrierten Produktnamen, Warnhinweisen oder Maßen. Manches davon muss übersetzt werden, manches nicht.

Für die Übersetzung gibt es unterschiedliche Möglichkeiten: Offene Daten (z.B. Photoshop-Dateien) können von moderner Übersetzungssoftware direkt bearbeitet werden, JPG- oder PNG-Dateien können über den Umweg einer Bildlegende und anschließenden Nachbearbeitung in die Zielsprache übertragen werden.


Bei der Übersetzung bedeuten Bilder immer viel Handarbeit.

Rico Neitzel, Büro 71a


Bevor man sich der Übersetzung widmet, muss man sich einen Überblick verschaffen, welche Bilddateien überhaupt für eine Übersetzung infrage kommen. Das ist je nach Shop- und Content-Management-System unterschiedlich kompliziert. Bei Magento gibt es dafür zwei Möglichkeiten:

  1. Magento verfügt serverseitig über einen Media-Ordner, in dem die Bilder aller Shops und Sprachvarianten gespeichert sind. Dort kann man direkt auf Datei-Ebene die Bilder prüfen und aussuchen.
  2. Man kann sich die Dateien aber auch im Backend anzeigen lassen. Magento hat zwar keine direkt zugängliche Mediathek, aber wer in einer CMS-Seite ein Bild einfügen will, kann aus einer Übersicht aller hochgeladenen Dateien auswählen. Über diesen Umweg kann man sich also auch einen Überblick verschaffen.

 

Magento-Bilderordner

 

Bei der Übersetzung von Bildern dürfen natürlich die Metadaten (z.B. Alt-Attribute) nicht vergessen werden. Magento erlaubt es, einem Bild Metadaten in verschiedenen Sprachen zuzuweisen. Man kann also ein Bild für mehrere Shops verwenden. Umgekehrt ist es aber natürlich auch möglich, einem Produkt für jeden Shop ein anderes Bild zuzuweisen.

Probleme mit Caching

Magento haftet der Ruf an, zu den etwas behäbigeren Shopsystemen zu gehören. Die vielen Individualisierungsoptionen und der hierarchische Aufbau erfordern einfach mehr Ressourcen als „starre“ Systeme, die diese Möglichkeiten nicht bieten. Vor allem große Magento-Shops setzen deshalb gerne auf Caching-Techniken und Content Delivery Networks (CDN), um dieses Manko auszugleichen.

Was bedeutet das? Wenn ein Kunde eine bestimmte Shopseite im Browser aufruft, muss normalerweise die Shopsoftware die Anfrage auswerten und die gewünschte Seite erzeugen. Das kann je nach System, Seiteninhalten und Anfrage ein bisschen dauern. Beim Caching werden die so erzeugten Webseiten nicht nur an den Kunden ausgeliefert, sondern zusätzlich auf dem Server zwischengespeichert. Wenn nun ein anderer Besucher genau die gleiche Seite im Browser aufruft, muss das Shopsystem die Anfrage nicht erneut bearbeiten. Stattdessen wird direkt die zwischengespeicherte Version ausgeliefert. Der Kunde bekommt die Seite dadurch schneller angezeigt und der Server spart sich Arbeit.

Ein solches System birgt aber – nicht nur bei Magento – gewisse Risiken. Wenn bei der Überprüfung, welche Webseite angefordert wird, nicht alle Parameter berücksichtigt werden, kann es passieren, dass der Kunde die falsche Seite angezeigt bekommt. Dann sieht er zum Beispiel die richtige Seite aber in der falschen Sprache. Das Tückische daran ist, dass sich solche Fälle nur schwer nachstellen lassen. Wenn der Support die Seite aufruft, ist die falsche Version vielleicht schon aus dem Zwischenspeicher gelöscht oder andere Parameter auf Seiten des Supports sorgen für eine korrekte Neuberechnung der Seite. Obendrein tauchen solche Probleme häufig erst im Livebetrieb auf, weil das Caching während der Entwicklung nicht genutzt wird. Vermeiden lässt sich so etwas nur durch sorgfältige Programmierung und gründliche Tests.

Die Meisten scheitern an einem falschen oder fehlenden Konzept

Magento-KonzeptDas häufigste und gravierendste Problem bei Internationalisierungsprojekten auf Magento-Basis hat aber laut Magento-Experten Rico Neitzel weder mit technischen noch sprachlichen Hürden zu tun, sondern mit mangelnder Planung und technischem Unwissen seitens der Händler. Viele gehen die Einrichtung des Shops blauäugig an und treffen deshalb in der Anfangsphase falsche Entscheidungen. Das hängt natürlich auch mit den vielen Möglichkeiten von Magento zusammen: Wer viel machen kann, kann auch viel falsch machen.

Solche grundlegenden Fehler in der Datenstruktur können den Ausbau eines Shops extrem erschweren, teilweise sogar zunichtemachen. Das nachträgliche Korrigieren struktureller Fehler ist extrem aufwändig, in manchen Fällen muss der Shop komplett neu aufgebaut werden. Die Empfehlung lautet deshalb: Lieber einen Experten im Vorfeld dafür bezahlen, eine solide Shopstruktur aufzubauen, als ihn hinterher dafür zu bezahlen, den entstandenen Schaden zu beheben. Dabei lohnt es sich durchaus, schon am Anfang etwas größer zu planen. Denn wenn das entsprechende Fundament fehlt, ist es selbst mit viel Geld nicht möglich, aus einer Holzhütte nachträglich einen Wolkenkratzer zu machen.

Fazit

Kommen wir zurück auf die Eingangsfrage: Ist Magento eine gute Basis, um einen mehrsprachigen Shop oder einen Verbund von Ländershops aufzubauen? Die Antwort lautet eindeutig: Ja – mit einem kleinen „aber …“

Ja, weil Magento genau dafür programmiert wurde, Produkte ganz flexibel anzubieten. Sortimente, Preise, Steuern, Liefer- und Bezahloptionen und Ausgabesprache – alles lässt sich frei konfigurieren und im Rahmen unterschiedlicher Websites und StoreViews an bestimmte Länder, Märkte oder Zielgruppen anpassen.  Dabei sorgt die clevere Ebenenstruktur nicht nur für Sicherheit, sondern auch für reduzierten Arbeitsaufwand.

Aber … man sollte Magento gerade deshalb nicht auf die leichte Schulter nehmen. Ein so vielseitiges Werkzeug braucht jemanden, der auch damit umgehen kann. Sonst ist der Schaden am Ende größer als der Nutzen. Was bringt ein frei konfigurierbarer Shop, wenn man ihn so „kaputtkonfiguriert“, dass er nicht zu den eigenen Ansprüchen passt? Deshalb sollten Händler, die noch keine Erfahrung mit Magento haben, vor allem bei der Planung und Einrichtung auf professionelles Know-how zurückgreifen.


Wir möchten uns herzlich bei Rico Neitzel vom Büro 71a für das Gespräch und die gewonnenen Einblicke bedanken.

Stand: 08.01.2018, Magento-Version 2.1.5

autor_eurotext_100Autor: Eurotext Redaktion

Wir erklären, wie Internationalisierung funktioniert, geben Tipps zu Übersetzungsprojekten und erläutern Technologien und Prozesse. Außerdem berichten wir über aktuelle E-Commerce-Entwicklungen und befassen uns mit Themen rund um Sprache.