Wie lässt sich Internationalisierung im E-Commerce technisch am besten umsetzen? Welche Möglichkeiten bieten verschiedene Shop- und  Content-Management-Systeme, wenn es darum geht, Inhalte und Produkte mehrsprachig anzubieten und zu organisieren? Und welche Fallstricke lauern im Verborgenen?

Im ersten Teil dieser Reihe dreht sich alles um das Shopsystem Magento, das sich vor allem an mittelständische und etwas größere Unternehmen richtet und sich dank kostenloser Software und einer sehr engagierten Community großer Verbreitung erfreut. Als Experte steht uns Rico Neitzel vom Büro 71a Rede und Antwort. Er ist seit 2006 in der Magento-Szene als Entwickler und Berater aktiv und verfügt dadurch über eine Fülle an Erfahrung und Hintergrundwissen. Für diesen Artikel hat er uns gezeigt, welche Möglichkeiten, aber auch welche Herausforderungen eine Shoplösung auf Magento-Basis bereithält.



Die Ebenen-Struktur von Magento

Magento-Shops sind in klar voneinander getrennten Ebenen aufgebaut. Das macht den Einstieg für unerfahrene Nutzer zur Herausforderung, bietet aber perfekte Voraussetzungen für Händler, die ihre Shops in verschiedenen Länder- oder Sprachversionen anbieten wollen. Prinzipiell gibt es 3 Ebenen, sogenannte Scopes: Global, Website und StoreView. Diese sind hierarchisch strukturiert, vererben ihre Eigenschaften also an alle darunterliegenden Ebenen.

Magento ScopesGlobal stellt die Basis jeder Magento-Installation dar, in der die Grundeinstellungen (Default Config) vorgenommen werden. Hier wird festgelegt, wo der Onlineshop betrieben wird, was also die rechtlichen Grundlagen sind. Auch die Sprache des Adminbereichs kann global eingestellt werden. Und natürlich werden hier alle Produkte angelegt und verwaltet.

In der nächsten Ebene, der Website, wird die Struktur des Shops und der Produkte angelegt, aber auch vieles, was mit Steuern und Preisen zu tun hat. Ein klassischer Anwendungsfall ist, auf dieser Ebene eine Website für B2B und eine für B2C anzulegen. Die Voreinstellungen zu den Preisen (Netto bzw. Brutto) würden dann für die beiden Websites getrennt vorgenommen. Bei internationalen Shops kann man Websites nutzen, um Basiswährungen zu definieren. Man könnte zum Beispiel eine Website für den europäischen Markt einrichten, die in Euro rechnet, und eine für den amerikanischen Markt, die den US-Dollar verwendet. Passend dazu können die  Versand- und Bezahloptionen und die Steuern für das jeweilige Land auf Website-Ebene festgelegt werden.

Eine Ebene, die nicht zu den Einstellungsebenen – den Scopes – gehört, ist der Store. Hier geht es hauptsächlich um die Zuordnung der Kategorien zu den verschiedenen Websites. Es ist also möglich, verschiedene Stores anzulegen, die sich im Sortiment oder in dessen Struktur unterscheiden.

Die letzte Ebene sind die sogenannten StoreViews. In ihnen wird im Grunde „nur“ noch die Darstellung des Shops verwaltet. Hier wird es spannend, wenn es um die Internationalisierung geht. Denn zur Darstellung gehören auch die jeweilige Ausgabesprache, Währungen, das Theme und viele andere Merkmale, durch die sich Länder- oder Sprachversionen voneinander unterscheiden.

Es ist übrigens kein Fehler, dass die Währungen sowohl in der Website– als auch in der StoreView-Ebene konfiguriert werden können. Es ist z.B. denkbar, einen Onlineshop so aufzubauen, dass er auf der Website-Ebene generell mit Euro rechnet. Deshalb müssen aber noch lange nicht alle StoreViews nur Euro anzeigen. Man könnte innerhalb dieser Euro-Website einen StoreView für den schweizerischen Markt einrichten, der die Euro-Preise automatisch in Schweizer Franken umrechnet. Der Kunde bekommt also die für ihn passende Währung angezeigt, im Hintergrund wird aber mit der Basiswährung der Website gerechnet – für den Händler eine enorme Erleichterung.

Magento Scopes Beispiel Internationaler Shops
Der Beispiel-Händler verwendet eine Magento-Installation für alle Shops. Dabei gibt es je eine Website für den amerikanischen, europäischen und asiatischen Markt und verschiedene StoreViews für die einzelnen Zielländer.

Was ist Ihr Wunschpreis?

Bei den Preisen zeigt sich, wie flexibel Magento ist, wenn mehrere Länder bedient werden sollen: Man kann – wie im gerade genannten Beispiel – länderübergreifend die gleichen Nettopreise verlangen und einfach in die Landeswährungen umrechnen lassen. Je nach örtlichem Mehrwertsteuersatz ergibt das unterschiedliche Bruttopreise. Seit Magento 1.9 kann man aber auch den umgekehrten Weg gehen: Man legt für ein Produkt einen Endkundenpreis fest und die Software berechnet den Nettopreis so, dass er zuzüglich der geltenden Mehrwertsteuer den gewünschten Bruttobetrag ergibt. Wer weder das eine noch das andere will, kann auch einfach die Preise für jede Website manuell festlegen und so der Kaufkraft in den verschiedenen Märkten anpassen.


Rico Neitzel – Büro 71aUnser Interviewpartner Rico Neitzel realisiert im Büro 71a Websites und PHP-Projekte. Im Bereich eCommerce führt er Magento-Trainings durch, berät Unternehmen sowie Agenturen bei eCommerce Projekten und ist als Autor tätig.

Versandkosten berechnen ist (k)eine Kunst

Ähnlich vielseitig zeigt sich das Shopsystem, wenn es um die Berechnung von Versandkosten geht. Magento bietet von Haus aus eine ganze Reihe von Möglichkeiten: Der Versand kann ab einem bestimmten Warenwert, ab einer festgelegten Artikelmenge oder generell kostenlos sein. Alternativ kann ein Festpreis festgelegt werden, der für alle Sendungen gilt. Die Versandkosten können aber auch anhand der Faktoren Warenwert, Gewicht oder Artikelmenge und Zielland exakt berechnet werden. Damit lässt sich zum Beispiel abdecken, dass der Versand eines Paketes in die Schweiz wesentlich teurer ist als in die Niederlande. Der Händler kann hierzu Tabellen mit individuellen Werten anlegen und Magento führt die Berechnung aus.

Versand in MagentoAber Magento wäre nicht Magento, wenn es nicht noch individueller ginge. Mit Modulen wie ShipperHQ von WebShopApps lässt sich die Versandkostenberechnung noch weiter individualisieren: Es kann zum Beispiel festgelegt werden, welche Artikel generell nur per Spedition transportiert werden, welche nur in bestimmte Länder geliefert werden oder dass für kostenlosen Versand ein bestimmtes Verhältnis von Warenwert und -gewicht erreicht sein muss. Ein 5 kg schwerer Warenkorb muss also mindestens 50 Euro kosten, um kostenlos verschickt zu werden, einer mit 10 kg mindestens 100 Euro. All das lässt sich beliebig wählen.

Übersetzungen mit Sicherheitsnetz

Die Vorteile des hierarchischen Aufbaus zeigen sich sehr gut bei der Übersetzung des Magento Onlineshops. Denn das System geht bei der Darstellung von Inhalten wie Produkten oder Kategorien alle Ebenen der Reihe nach durch. Die erste Ebene bildet der StoreView. Ist hier eine Sprachdatei hinterlegt, wird diese ausgegeben. Aber was, wenn sich für einen bestimmten Text kein Eintrag in der Sprachdatei findet? Zum Beispiel, weil die Übersetzung unvollständig ist oder ein technischer Fehler vorliegt? Viele Shop- oder Content-Management-System würden dann eine Fehlermeldung oder gar nichts ausgeben.

Magento geht einfach in die nächste Ebene und sucht dort nach einem passenden Eintrag. Spätestens auf der globalen Ebene wird Magento fündig, weil dort normalerweise alle Texte auf Englisch gespeichert sind. Natürlich ist es für einen deutschen Kunden nicht optimal, wenn er im deutschen Ländershop auf einen englischen Text stößt, aber immerhin hat er dann die Möglichkeit, seinen Einkauf fortzusetzen. Bei einer Fehlermeldung oder gar keiner Ausgabe ist das deutlich problematischer.

Magento translate.csvDie Übersetzung von Texten der Benutzeroberfläche ist sogar noch einfacher gestaltet. Hierzu gibt es einfache CSV-Dateien – Tabellen-ähnliche Dateien, die sich mit einer Tabellenkalkulkationssoftware wie Excel oder OpenCalc bearbeiten lassen – mit den Originaltexten und der dazu passenden Übersetzung. Diese Dateien finden sich zum einen im Theme, aber auch im Kerncode von Magento. Somit hat man immer die Möglichkeit, auch die Texte der Benutzeroberfläche nach eigenem Belieben anzupassen.

Fallbacklösung bei Bildern und Bedienelementen

Das gleiche Prinzip findet sich auch bei Bildern und anderen grafischen Elementen wie z.B. Buttons oder Formularen: Wenn in der gewählten Sprachversion kein Element gespeichert ist, verwendet Magento das nächste in der Hierarchie. Das dient nicht nur als Fallbacklösung bei fehlenden Daten, sondern vereinfacht auch die Bearbeitung und spart Ressourcen: Es müssen nur die Elemente übersetzt und verwaltet werden, die auch wirklich verwendet werden.


Teil 2 – Probleme und Fazit

Im zweiten Teil dieses Beitrags erklären wir, welche Probleme beim Einsatz von Magento lauern können und wie sich manche diese Fallstricke umgehen lassen. Außerdem werden wir die Frage beantworten, inwiefern sich Magento für mehrsprachige E-Commerce-Projekte eignet.


Wir möchten uns herzlich bei Rico Neitzel vom Büro 71a für das Gespräch und die gewonnenen Einblicke bedanken.

Stand: 08.01.2018, Magento-Version 2.1.5

autor_eurotext_100Autor: Eurotext Redaktion

Wir erklären, wie Internationalisierung funktioniert, geben Tipps zu Übersetzungsprojekten und erläutern Technologien und Prozesse. Außerdem berichten wir über aktuelle E-Commerce-Entwicklungen und befassen uns mit Themen rund um Sprache.