Und schon wieder Amazon. Diesmal prescht der E-Commerce-Riese mit einem Angebot vor, dass das Potential dazu hat, die gesamte Modebranche zu erschüttern. Die Folgen für Onlinehändler und Einzelhandel sind nicht absehbar, der wirtschaftliche Nutzen für Amazon aber fraglich. Freuen darf sich vor allem der Kunde.

Was ist die Amazon Prime Wardrobe?

Die Fakten im Überblick: In den USA startet Amazon einen Betatest mit dem Namen „Amazon Prime Wardrobe“: Der Kunde (oder in diesem Fall wohl überwiegend: Die Kundin) muss mindestens 3 Artikel aus dem Modesortiment bestellen. Die Zustellung ist kostenlos und auch die Waren müssen zu diesem Zeitpunkt noch nicht bezahlt werden. Der Kunde hat nun eine Woche Zeit, die Kleidungsstücke anzuprobieren. Was nicht passt oder nicht gefällt, wird einfach wieder zurückgeschickt. Amazon hat sich viele Gedanken gemacht, wie das für den Kunden möglichst einfach geht: Die Rücksendung ist ebenfalls kostenlos, das fertig ausgefüllte Etikett liegt bereits bei. Auch der Karton ist für den Rückversand vorbereitet, wiederverschließbar und hat Klebestellen, mit denen das Paket ganz einfach verschlossen werden kann. Der Karton muss anschließend nicht zur Post gebracht werden; der Kunde stellt ihn einfach vor die Haustür und überlässt alles weitere dem Postboten. Amazon ermittelt nach der Rücksendung, welche Waren der Kunde behalten hat, und stellt nur diese in Rechnung. Behält er mindestens 3 Teile, bekommt er 10% Rabatt, bei mehr als 5 Kleidungsstücken sogar 20%. So soll der Kunde dazu bewegt werden, möglichst wenig zurückzuschicken.

Was ist daran neu?

Amazon bricht mit Wardrobe gleich mit mehreren Branchenregeln:

Retouren gelten im E-Commerce als ein teures Ärgernis. Je weniger Retouren, umso besser. Viele Händler versuchen deshalb, den Rücksendeprozess möglichst kompliziert zu gestalten, um Kunden von Rücksendungen abzuhalten. In der Modebranche steht man Retouren etwas offener gegenüber, da man erkannt hat, dass sie ein notwendiges Übel sind. Trotzdem ist man natürlich bemüht, ihre Anzahl gering zu halten. Bei Amazons neuen Modell ist die Rücksendung hingegen von vornherein Teil des Konzepts. Es wird zwar sicher auch Bestellungen geben, von denen gar nichts zurückgeschickt wird, aber das wird wohl eher die Ausnahme sein.

Dass der Kunde erst am Ende bezahlt, ist für deutsche Kunden nicht ganz so revolutionär. Hierzulande ist gerade im Bereich Mode die Zahlung auf Rechnung weit verbreitet. Kunden sind also gewohnt, erst nach Erhalt der Waren zu bezahlen. In den USA, wo der aktuelle Test stattfindet, sieht das etwas anders aus. Dort wird überwiegend mit Kreditkarten oder Paymentdienstleistern wie PayPal bezahlt. Die Zahlung findet somit gleich bei der Bestellung statt. Wenn etwas zurückgegeben wird, wird das Geld später wieder erstattet. Amazons neuer „Rechnungskauf“ stellt insofern zumindest in den USA eine Neuerung dar. Zielgruppe dieses Features sind wohl vor allem Kunden mit geringem Budget, die es sich auf diese Weise leisten können, einfach ein bisschen mehr zu bestellen, ohne dass ihr Konto sofort belastet wird.

Was bedeutet das für die Konkurrenz?

Sollte der Betatest erfolgreich verlaufen und Amazon Wardrobe allen Kunden anbieten, wird das große Auswirkungen auf den Markt haben. Für die Kunden ist das Angebot ohne Frage sehr reizvoll. Wer also seine bisherigen Kunden nicht verlieren will, wird nicht umhin kommen, ähnliche Modelle anzubieten. Explodierende Retourenquoten quer durch die Branche dürften die Folge sein. Dass das mit erheblichen Kosten und Aufwand verbunden ist, steht außer Frage. Und auch der Einzelhandel wird weiter unter Druck gesetzt. Schließlich zielt Amazon hier auf eines der wenigen Argumente, mit denen der stationäre Handel noch gegenüber dem Onlinehandel punkten kann: Einfach mal ganz unkompliziert und kostenlos eine große Auswahl verschiedener Kleidungsstücke ausprobieren zu können.

Wo liegt der Nutzen für Amazon?

Amazon erkauft sich mit dem neuen Angebot eine ganze Menge Aufmerksamkeit und wird seinen Umsatz sicher deutlich steigern können. Ob das am Ende auch zu mehr Käufen und Gewinnen führt, erscheint fraglich. Gut möglich, dass die Kosten für Porto und die Aufbereitung der anprobierten Waren die Einnahmen komplett aufzehren. Amazon geht es also wie so oft eher um Marktanteile und Umsatz, als um kurzfristige Gewinnmaximierung. Und wie so oft ist es ein Spiel mit dem Feuer: Wenn sich die Kunden erst einmal an so viel Bequemlichkeit ohne Mehrkosten gewöhnt haben, wird es schwierig, ihnen das wieder abzugewöhnen. Amazon schafft also für alle Beteiligten Fakten, deren Folgen noch gar nicht abzusehen sind.

Quellen:

 

autor_eurotext_100Autor: Eurotext Redaktion

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