Nachdem wir schon einige europäische E-Commerce-Märkte betrachtet haben (Niederlande, Polen, Spanien, Österreich & Schweiz, Frankreich), wollen wir uns diesmal Italien und den dortigen E-Commerce anschauen.

Daten & Zahlen

Trotz der aktuellen Wirtschaftskrise wächst der Onlinehandel in den letzten Jahren kontinuierlich im zweistelligen Bereich. 2010 bestellten die Italiener Waren im Wert von 14,3 Milliarden Euro im Internet, 2014 waren es mit 24,2 Milliarden schon etwa 10 Milliarden Euro mehr. Dabei setzen die handyverliebten Südländer stark auf den M-Commerce (mobile Commerce). Jede vierte Bestellung wird mit einem Smartphone oder Tablet getätigt.

Trotzdem muss man feststellen: Italien tut sich schwer mit dem Onlinehandel. Von den ca. 62 Millionen Einwohnern hab nicht einmal zwei Drittel einen Internetzugang. Damit landet Italien auf dem vorletzten Platz in Südeuropa; nur die Türkei steht noch schlechter da. Nur etwa 13 Millionen Italiener gelten als Onlineshopper. Eine Zahl, die selbst von den wesentlich kleineren Niederlanden überboten wird.

Die italienischen Händler wissen zwar um die Chancen des Internets, besitzen aber in den wenigsten Fällen das nötige Wissen, um es professionell zu nutzen. Nur etwa 5% aller Unternehmen bieten ihre Waren online an! Dazu kommt die anhaltende Wirtschaftskrise, die viele Anbieter zögern lässt. Keine gute Zeit für langfristige Investitionen.

Davon profitieren vor allem die ausländischen Händler: Da das Angebot im eigenen Land überschaubar ist, bestellen viele Onlineshopper (knapp 80%) im Ausland. Dabei entfallen die meisten Verkäufe auf das Vereinigte Königreich, dicht gefolgt von Deutschland. In dem Zusammenhang verwundert es nicht, dass die beiden größten Shops des Landes ausländischen Konzernen gehören: Zalando und Amazon.

Die beliebtesten Waren

Italiener nutzen das Internet gerne, um sich über touristische Angebote zu informieren und Reisen zu buchen. Aber natürlich verkaufen sich auch Mode und Bekleidung sowie Elektronik sehr gut.

Italienische Besonderheiten

Viele Italiener verfügen nur über grundlegende Fremdsprachenkenntnisse und kaufen deshalb nur ungern auf fremdsprachigen Webseiten ein. Wer hier erfolgreich verkaufen möchte, kommt an einem Shop in italienischer Sprache also nicht vorbei. Ganz davon abgesehen, dass der italienische Verbraucherschutz das sogar vorschreibt.

Italienische Kunden gelten als anspruchsvoll und sind es gewohnt, die Qualität und ggf. Frische der Waren beim Händler persönlich kontrollieren zu können. Es gibt deshalb eine gewisse Skepsis, wenn es um den anonymen und weitestgehend abstrakten Einkauf über das Internet geht. Dem können Händler entgegenwirken, indem sie mit möglichst präzisen Beschreibungen und Produktfotos ein anschauliches Bild der Ware vermitteln und z.B. durch Gütesiegel Vertrauenswürdigkeit vermitteln.

Bei der Bezahlung sind die Italiener relativ konservativ. 70 % aller Bezahlvorgänge werden über Kredit-/Debitkarten abgewickelt und ohne die CartaSì läuft auch nichts. Auf Platz 2 landet PayPal mit 24% aller Zahlungen.

Positiv fällt die relativ geringe Retourenquote auf. Dies ist eine Eigenheit vieler Länder, in denen der E-Commerce noch in den Kinderschuhen steckt: Online bestellt wird eigentlich nur, was wirklich benötigt wird. Umgetauscht wird deshalb nur, wenn sich ein Produkt als völlig ungeeignet erweist.

Rechtliche Rahmenbedingungen

Juristisch birgt der Handel in Italien keine nennenswerten Fallstricke. Die meisten Regelungen entsprechen der üblichen EU-Gesetzgebung und weichen nur in Details von deutschen Gesetzen ab.

Zum Beispiel gelten in Deutschland Produktdarstellungen in Onlineshops als Angebot an den Kunden, eine Bestellung und damit ein vertraglich verbindliches Angebot abzugeben. In Italien gilt hingegen bereits die Produktdarstellung selbst als rechtlich verbindliches Vertragsangebot seitens des Händlers. Zumindest dann, wenn auf der Produktseite die AGB aufgeführt oder verlinkt sind und Pflichtinformationen zu den wesentlichen Merkmalen der Ware oder Dienstleistung hinterlegt sind. Für den Händler bedeutet das, dass der Kaufvertrag unmittelbar durch die Bestellung des Kunden zustande kommt, nicht erst durch die Bestätigung des Händlers. Bestellungen sind also bindend und können nicht abgelehnt oder durch Fristen hinausgezögert werden. Ein kleiner aber mitunter wichtiger Unterschied.

Fazit

Auf den ersten Blick wirkt Italien als Zielmarkt nicht sehr reizvoll: Im Vergleich zu anderen Ländern sind die Umsätze im Onlinehandel gering und die Sprachbarriere ist hoch, da sich die Übersetzung nicht in anderen Ländern „zweitverwerten“ lässt.

Aber das kann auch eine Chance sein: Die meisten ortsansässigen Händler sind noch nicht im Internet aktiv und die internationalen Händler konzentrieren sich eher auf andere Märkte. Dadurch ist die Konkurrenz gering und der Zeitpunkt günstig, sich am Markt zu etablieren. Da die Einstiegshürden vergleichsweise gering sind, können Händler mit langem Atem also durchaus profitieren.

Quellen:

 

autor_eurotext_100Autor: Eurotext Redaktion

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