Deutschland und Polen teilen viele kulturelle Gemeinsamkeiten und sind geschichtlich eng verbunden. Trotzdem kann von einem echten „Miteinander“ nur selten die Rede sein. Deutsche und Polen praktizieren eher „nebeneinander her“. Ursache sind einerseits die tiefen politischen Gräben, die während des 20. Jahrhunderts gezogen wurden, andererseits die hohe sprachliche Hürde. An deutschen Schulen wird Polnisch nur selten gelehrt, an polnischen Schulen ist Deutsch auch die Ausnahme. Besser sieht es bei der wirtschaftlichen Zusammenarbeit aus. Vor allem der Handel profitiert von den offenen Grenzen und besitzt weiterhin großes Potential – nicht nur, aber auch im Bereich des E-Commerce.

Zahlen und Fakten

Polen ist nicht nur das sechstgrößte Mitgliedsland der EU, sondern steht mit knapp 40 Millionen Einwohnern auch bei der Bevölkerung an sechster Stelle. Um die Jahrtausendwende hatte Polen mit dem Erbe der gescheiterten Planwirtschaft und großen wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen. Dank eines harten Sparkurses auf der einen Seite und sinnvollen Investitionen auf der andere, wuchs die Wirtschaft in den folgenden Jahren rasant. Vor allem der Einzelhandel verzeichnete gigantische Wachstumsraten, der E-Commerce stolze 20 – 25% pro Jahr. 2013 wurde die Zahl der polnischen Online-Shopper bereits auf 13,5 Millionen geschätzt.

Der Trend geht zu hochwertigen Waren

Während der Rezession und in den Jahren danach kauften die Polen vor allem preisbewusst. Mittlerweile geht der Trend weg von Billigprodukten und hin zu hochwertigen Waren. Vor allem Design-Produkte aus den Bereichen Inneneinrichtung, Fashion, Heim und Garten profitieren von dieser Entwicklung.

Pro-Kopf-Umsatz gering aber steigend

Noch gibt der durchschnittliche Onlinekunde in Polen deutlich weniger als als sein deutsches Pendant, nämlich 244 Euro gegenüber 1211 Euro (Stand 2015). Während sich das Wachstum in Deutschland aber spürbar abschwächt, hat es in Polen seinen Höhepunkt noch nicht erreicht.

Lokale statt globaler Größen

Eine Eigenheit des polnischen Marktes ist, dass internationale, vor allem amerikanische Großunternehmen hier keine so große Rolle spielen wie anderswo. eBay, Amazon & Co. sind natürlich stark vertreten, teilen sich den Kuchen aber mit vielen nationalen Anbietern. Die 5 größten Onlinehändler stammen allesamt aus Polen: NEO24 (Photo), Oponeo (Automotive), Komputonik (Computer und Elektronik), Merlin (Bücher, Musik, Games), Empik (Musik, Games, e-Books) – Stand 2015.

Eine weitere Besonderheit ist der hohe Anteil kleiner Anbieter. 85% aller polnischen Shops fallen unter den Begriff „Micro Enterprises“, haben also nicht mehr als 9 Mitarbeiter. Das sollte nicht als Indiz für mangelnde Professionalität missverstanden werden. 75% dieser Shops erwirtschaften Gewinne.

Aufgeschlossene Kunden

Das klingt so, als wären polnische Kunden sehr national orientiert und stünden ausländischen Anbietern skeptisch gegenüber. Das ist allerdings nicht der Fall.

Die Gruppe der Onlineshopper ist überwiegend jung und weltoffen, finanziell abgesichert, gebildet und lebt in Großstädten. Gerade die Jugend orientiert sich stark am Westen. Waren aus den USA oder West- und Mitteleuropa genießen allgemein ein hohes Ansehen. Die Voraussetzungen für ausländische Händler sind also alles andere als schlecht. Trotzdem kann es nicht schaden, sich an den erfolgreichen, polnischen Anbietern zu orientieren und die eigenen Strategien dem Zielmarkt anzupassen.

Unkomplizierte Abwicklung

Polen ist bekannt für eine ausgesprochen niedrige Retourenquote. Bevor nicht benötigte Waren zurückgeschickt werden, verschenken viele Polen diese lieber an Freunde und Verwandte.

Dank EU-Mitgliedschaft und der räumlichen Nähe gestalten sich auch die anderen Aspekte des Verkaufs und Versands unproblematisch. Pakete aus Deutschland erreichen durchschnittlich nach 2-3 Tagen ihr Ziel. Zölle fallen nicht an. Die rechtlichen Regeln entsprechen weitestgehend den deutschen, lediglich die Beweislastumkehr bei Sachmängeln gilt ein volles Jahr und damit doppelt so lange wie in Deutschland.

Eine Herausforderung stellt die Tatsache dar, dass Polen kein Mitglied der europäischen Währungsunion ist. Um die Umrechnung von Euro in Zloty kommt man als Anbieter also nicht herum.

Fazit

Polen ist wahrscheinlich nicht das erste Land, an das man denkt, wenn es um Expansionspläne geht. Aber warum eigentlich? Als Mitglied der EU bietet es einen ähnlich leichten Zugang wie andere europäische Länder, die sprachliche Hürde ist auch nicht höher als bei Frankreich, Italien oder Spanien. Außerdem bildet Polen durch seine geographische Lage die ideale Brücke für eine Expansion in andere osteuropäische Staaten. Es kann also nicht schaden, Polen genauer ins Auge zu fassen.

Quellen:

 

autor_eurotext_100Autor: Eurotext Redaktion

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