Österreich und die (deutschsprachige) Schweiz werden von vielen Online-Händlern  stiefmütterlich behandelt. Dabei haben sie großes Potential und bieten obendrein die Möglichkeit, sich ohne Sprachbarriere im Cross-Border-Commerce zu versuchen. Aber geht es wirklich ganz ohne Lokalisierung?

Interessante Märkte mit Potential

Österreicher und Schweizer kaufen gerne im Internet ein. Während der durchschnittliche deutsche Online-Käufer 1.350 Euro pro Jahr im Internet ausgibt, sind es in der Schweiz 1.750 und in Österreich sogar 2.140. Und der Trend zeigt nach oben: Die 250 umsatzstärksten Shops in den beiden Alpenländern hatten im letzten Jahr ein Wachstum von über 11 Prozent.  In Deutschland liegt der Vergleichswert bei 9 Prozent. Obendrein sind es die Bewohner der beiden Alpenländer gewohnt, im Ausland einzukaufen: von den 250 umsatzstärksten Online-Shops haben 88 ihren Sitz Deutschland. Hauptgrund dafür sind die vergleichsweise günstigen Preise, die selbst mit Portokosten meist unter denen der ortsansässigen Händler liegen.

Für den Einstieg empfiehlt sich vor allem Österreich, da nahezu die gesamte Bevölkerung Deutsch spricht und das Land als EU-Mitglied in Bezug auf Rechtslage und Zollformalitäten die wenigsten Probleme bereitet.

Sprachbarriere?

In Österreich ist Deutsch die offizielle Landessprache. 98 Prozent der österreichischen Staatsbürger sprechen Deutsch als Muttersprache, unter der Gesamt-Bevölkerung sind es immerhin 88 Prozent. Das österreichische Deutsch unterscheidet sich vom Hochdeutschen hauptsächlich im Wortschatz und der Aussprache. Die Grammatik ist weitestgehend identisch und besitzt nur wenige Besonderheiten.

Eine große Rolle spielen Dialekte. Während Dialekte in Deutschland vielfach vom Hochdeutschen getrennt verwendet werden, z.B. in informellen Situationen oder im privaten Umfeld, gibt es so eine Trennung in Österreich kaum – Dialekte werden vom Großteil der Bevölkerung im Alltag als Umgangssprache gesprochen, der Übergang zur „Hochsprache“ ist fließend.

Für den E-Commerce ist das von keiner großen Bedeutung. Prinzipiell können in Deutschland geschriebene Texte unverändert in Österreich verwendet werden und werden auch problemlos verstanden. Je nach Textsorte, Thema und Zielgruppe kann es aber sinnvoll sein, die Texte an den Sprachgebrauch vor Ort anzupassen. Auf diese Weise kann Vertrauen aufgebaut und Authentizität vermittelt werden.

In der Schweiz stellt sich die sprachliche Situation etwas anders dar. Hier gibt es die vier Amtssprachen Deutsch (Schweizerdeutsch), Französisch, Italienisch und Rätoromanisch. Deutsch ist dabei am weitesten verbreitet und wird von 65,5% der Bevölkerung als Muttersprache gesprochen. Da viele Schweizer mehrere Sprachen sprechen oder zumindest verstehen, ist die tatsächliche Zielgruppe aber noch deutlich größer.

Auch in der Schweiz sind es meist Dialekte oder Mischformen, die gesprochen werden – Schweizer Hochdeutsch gibt es fast nur in geschriebener Form.

Darüber hinaus gibt es große Unterschiede im Wortschatz und in der Schreibweise. Am offensichtlichsten ist die Tatsache, dass in der Schweiz das „ß“ konsequent durch „ss“ ersetzt wird. Ein deutscher Text mit „ß“ wird für Schweizer dadurch zwar nicht unverständlich, seine ausländische Herkunft ist aber auf den ersten Blick ersichtlich. Gleiches gilt für die direkte Kundenansprache mit Anrede, Höflichkeitsformen etc.

Was bedeutet das für deutsche Onlineshop-Betreiber? Die meisten Schweizer kommen mit einem deutschen Onlineshop problemlos klar. Allerdings sind die Unterschiede im Sprachgebrauch teilweise erheblich. Wer sich also wirklich auf den Schweizer Markt einlassen will, sollte eine Prüfung und Überarbeitung der Texte durch Muttersprachler ernsthaft in Erwägung ziehen.

Ein eigener Shop für jedes Land?

Eine wichtige Frage ist die technische Realisierung des Shops. Soll es jeweils einen eigenen Shop geben, der auf genau ein Land zugeschnitten ist und alle örtlichen Besonderheiten berücksichtigt? Oder nur einen Shop, der für alle deutschsprachigen Kunden zur Verfügung steht?

Dabei sollte beachtet werden, dass abgesehen von sprachlichen Eigenheiten auch einige inhaltliche und technische Unterschiede bestehen können. Bei den Zahlarten sollte z.B. in Österreich der Rechnungskauf nicht fehlen, da er dort sehr weit verbreitet ist. Und auch die Rechtsvorschriften unterscheiden sich, vor allem in der Schweiz, teilweise erheblich. Hier müssen Zölle und Steuern besonders berücksichtigt werden, was in einem eigenen Shop einfacher zu handhaben ist. Einzelne Ländershops erleichtern es außerdem, das Sortiment an den Zielmarkt anzupassen. Evtl. möchte man Produkte mit geringer Gewinnspanne erst gar nicht anzeigen, weil diese aufgrund der höheren Portokosten und Zölle nicht konkurrenzfähig angeboten werden können? Oder bestimmte Produkte sollen durch regionale Produkte ersetzt werden? Nicht zuletzt ist es für den Kunden einfacher und vertrauenserweckender, wenn er im Shop auf den ersten Blick die korrekten Informationen findet und sich nicht erst die passenden zusammensuchen muss.

Gerade für kleine Anbieter, die sich mehrere Ländershops nicht leisten können oder wollen, kann es sich lohnen, offen mit diesen Einschränkungen umzugehen. Statt den gesamten Shop zu lokalisieren, können Themenseiten darüber informieren, dass auch Kunden aus Österreich oder der Schweiz gerne beliefert werden und was dabei zu beachten ist. Präzise Angaben zu Versandkosten, Lieferzeiten, Zoll und die Nennung eines konkreten Ansprechpartners vermitteln Vertrauen und Kompetenz. Sollte sich zeigen, dass der Versand ins Ausland profitabel ist, kann der Shop später immer noch erweitert werden.

Probleme mit dem Zoll

Das größte Ärgernis beim Versand in die Schweiz ist üblicherweise der Zoll. Der bürokratische Aufwand ist hoch und lässt sich nur teilweise automatisieren. Für jeden Artikel müssen die notwendigen Daten wie Gewicht, Zolltarif und Ursprungsland erfasst sein. Die Kosten für den zusätzlichen Aufwand sowie die anfallenden Gebühren müssen in den Verkaufspreis einkalkuliert werden.

Zwar gibt es verschiedene Anbieter, die sich auf die Zollabwicklung spezialisiert haben, aber das stellt einen beträchtlichen  Kostenfaktor dar. Kosten und Nutzen müssen hier gut abgewogen werden.

Fazit

Die Alpenländer Österreich und Schweiz stellen interessante Märkte dar. Händler, die ohne großes Risiko in den internationalen Handel „hineinschnuppern“ wollen, können hier günstig erste Erfahrung sammeln. Aber auch für große Anbieter sind die umsatzstarken Märkte reizvoll und verdienen es, individuell in den Fokus genommen zu werden.

Quellen:

 

autor_eurotext_100Autor: Eurotext Redaktion

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