Dass es zwischen dem britischen und dem (US-)amerikanischen Englisch Unterschiede gibt, werden die meisten wissen. Doch Englisch ist nicht nur auf den britischen Inseln und den USA offizielle Landessprache, sondern auch in Kanada, Australien und Neuseeland, Pakistan und Indien, Südafrika und vielen anderen afrikanischen Staaten, in Teilen der Karibik, z. B. in Belize oder auf Jamaika, auf vielen pazifischen Inseln, Papua Neuguinea, den Seychellen … Alle diese Länder haben sprachliche Eigenheiten in Wortschatz, Grammatik und Aussprache. Aber was genau sind die Unterschiede, woher kommen sie und was bedeutet das für die Verständigung?

US-amerikanisches Englisch

Fangen wir mit den Unterschieden zwischen dem britischen und dem us-amerikanischen Englisch an. Grammatikalisch sind die Unterschiede gering. In den USA neigt man dazu, Verben häufiger schwach zu bilden, also „burned“ oder „learned“ anstelle des unregelmäßigen „burnt“ oder „learnt“. Bei der Rechtschreibung fallen die Unterschiede schon eher auf. Sehr viele Wörter werden zwar gleich gesprochen aber unterschiedlich geschrieben. gray/grey, license/licence, color/colour, center/centre, theater/theatre … (jeweils US/GB).

Etwas problematischer wird es beim Wortschatz, wenn für eine Sache zwei verschiedene Begriffe verwendet werden: bathroom/toilet, drug store/pharmacy, baggage/luggage, apartment/flat, pavement/sidewalk … Zu Missverständnissen kommt es mit Sicherheit dann, wenn das gleiche Wort in zwei unterschiedlichen Bedeutungen verwendet wird: Wenn z. B. ein Engländer eine Zigarette („fag“) rauchen möchte ( „I’m going out for a fag.“), während dieses Wort in Amerika ein Schimpfwort für einen Schwulen ist. Solche Beispiele finden sich vor allem im Bereich der Umgangssprache in großer Zahl, da diese häufig mehrdeutig und permanentem Wandel unterworfen ist. Ein anderes Beispiel wäre, dass eine Engländerin am nächsten Morgen geweckt werden möchte („Please knock me up.“), das in den USA aber ein beliebter Slang-Ausdruck für das Schwängern (einer Frau) ist.

Auch in der Aussprache gibt es Unterschiede. Allerdings gehen die in den verschiedenen Dialekten unter, die innerhalb Großbritanniens und der USA gesprochen werden.

Australisches und neuseeländisches Englisch

Die englische Sprache in Australien und Neuseeland wurde durch verschiedene Faktoren beeinflusst: Dass die ersten Einwanderer überwiegend Iren aus den unteren Bevölkerungsschichten waren, schlägt sich bis heute in der Aussprache und dem Wortschatz nieder. Es werden beispielsweise sehr viele Flüche und Schimpfwörter benutzt, allerdings häufig nicht in ihrer ursprünglichen Bedeutung, sondern nur zur Verstärkung und Steigerung. Das „i“ wird vor allem in Australien sehr lang gesprochen („Siiidney“), was auf italienische Einwanderer zurückgeführt wird. Weit verbreitet ist außerdem ein Anheben der Tonhöhe am Satzende, ähnlich dem Deutschen bei Fragesätzen, sowie ein ans Satzende angehängtes „Eh!“, was soviel wie „nicht wahr?/isn’t it?“ bedeutet. Auch eine leicht nasale Aussprache und eine Vorliebe für Verkleinerungsformen („brekkie“ statt „breakfast“) gelten als typisch australisch.

Das Neuseeländische ist etwas näher am Britischen als das Australische, hat dafür aber viele Eigenheiten, die sich aus der Sprache der neuseeländischen Ureinwohner, der Maori herleiten. Das betrifft sowohl Vokabular wie deren Aussprache.

Kanadisches Englisch

Etwa 60 Prozent der Kanadier haben Englisch als Muttersprache, über 80 Prozent können es verstehen und sprechen. Sprachlich liegt es zwischen britischem und amerikanischem Englisch. Es wird zum Beispiel wie in England „flavour“ und „centre“ geschrieben, nicht wie in den USA „flavor“ und „center“.

Insgesamt ist bemerkenswert, dass die Kanadier bei der Rechtschreibung sehr kulant sind. Verbindliche Rechtschreibregeln gibt es nicht, so dass häufig sowohl die britische als auch die amerikanische Schreibweise genutzt wird.

Durch den parallelen Gebrauch von Englisch und Französisch in Kanada gibt es Übergangseffekte zwischen den Sprachen. So finden sich im Englischen einige Lehnwörter aus dem Französischen, sogenannte Gallizismen, und im Französischen umgekehrt einige Anglizismen.

Indisches Englisch

In Indien ist Englisch vor allem Amts- und Bildungssprache und dient außerdem zur Verständigung zwischen Sprechern unterschiedlicher indischer Sprachen. Wirklich fließend wird es nur von einer privilegierten Minderheit gesprochen. Es ist deshalb eher als Schriftsprache anzusehen, was zur Folge hat, dass es kaum durch Dialekte oder regionale Eigenheiten beeinflusst ist.

Das indische Englisch orientiert sich aufgrund der kolonialen Vergangenheit Indiens hauptsächlich am britischen Englisch. Es werden deshalb britische Wörterbücher verwendet. Allerdings wird auch amerikanisches als „korrekt“ akzeptiert.

Auffallend am indischen Englisch ist die Aussprache, die sich deutlich von anderen Varianten unterscheidet. Viele Laute werden anders artikuliert, das „th“ wird beispielsweise meist als „t“ gesprochen. Außerdem hat das Indische einen Sprechrythmus, der sich nicht an den Akzenten sondern an der Silbenzahl orientiert und deshalb als „Singsang“ erscheint.

Darüber hinaus gibt es einige sprachliche Eigenheiten und Redewendungen, die aus dem Hindi und anderen indischen Sprachen stammen. Am Satzende verwenden Inder gerne ein „no“, das vom Hindi-Wort „na“ abgeleitet ist und so viel wie „nicht wahr?“ bedeutet. Große Zahlen werden häufig nicht in Tausend und Million gegliedert, sondern Hunderttausend und 10-Millionen. Bei förmlichen Briefen lautet die Anrede nicht „Dear Sir“ sondern „Respected Sir“, etc.

Karibisches Englisch / Kreolisches Englisch

In der Karibik werden überwiegend Kreolsprachen gesprochen. Diese entstanden bei der Vermischung vieler Völker auf engstem Raum. Dabei haben sich auch die Sprachen vermischt, wobei zum Teil komplett neue Sprachen entstanden sind. Das Kreolische Englisch, das z.B. auf Jamaika, in Panama oder in Costa Rica gesprochen wird, basiert auf dem Englisch der britischen Kolonialherren, ergänzt durch indigene amerikanische Sprachen, afrikanische Sprachen und verschiedene europäische Einflüsse. Es wird häufig auch als Bongo Talk, Afro-Jam, Patwa(h) oder Patois bezeichnet.

Typisch für diese Form des Englischen ist der Wegfall von Progressivformen „I’m going/Mi a go“ und die Verneinung von Verben durch ein einfaches „no“ „I don’t go/Mi nuh go“. Außerdem werden Personalpronomen nicht flektiert, „mi“ kann also sowohl „ich“ als auch „mich“ bedeuten.

Typisch für den Klang der Sprache ist die häufige und sehr freie Verwendung des Sprossvokals „a“. Dieser kann andere Vokale ersetzen „observe/abserve“ oder auch zusätzlich eingefügt werden „way/weya“. Sogar als Verbindung zwischen verschiedenen Worten kann es genutzt werden „They go home/Dem a go’ome“.

Auch das Vokabular unterscheidet sich teilweise deutlich vom britischen Englisch, wenn z. B. Worte aus anderen Sprachen übernommen wurden.

Fazit

Wie man sieht, gibt es ganz erhebliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Englisch-Varianten. Teilweise kann man sie schon als eigene Sprache bezeichnen. In anderen Fällen sind die Unterschiede nur gering.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass ein britisches oder amerikanisches „Standard-Englisch“ eigentlich in allen genannten Ländern verstanden wird. Nur umgekehrt kann es zu Verständigungsproblemen kommen.

Im Geschäftsbetrieb genügt deshalb in vielen Fällen eine englische Übersetzung für alle Märkte, je nach Zielgruppe ins britische oder amerikanische Englisch. Wer jedoch einzelne Märkte ganz speziell ansprechen möchte, sollte sich überlegen, ob er nicht auch das entsprechende Englisch verwenden möchte. Viele sprachlichen Eigenheiten werden nämlich von den Sprechern als identitätsstiftend wahrgenommen. Das gilt für das Englische mehr als für andere Sprachen, da in Anbetracht der weltweiten Verbreitung schon Feinheiten zur Abgrenzung genutzt werden. Sprache ist hier mehr als sonst Ausdruck der eigenen Herkunft und kulturellen Prägung, weshalb sie auch gut dafür geeignet ist, Menschen emotional zu erreichen und Vertrauen aufzubauen.

 

autor_eurotext_100Autor: Eurotext Redaktion

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